Der Kosmos unser Psyche – Sterndeutung ohne Sterne

Ich war mal ein begeisterter Anhänger der Astrologie. Bis ich feststellte, das die behauptete charakterliche Festlegung aufgrund des Geburtstags und -orts Selbstbetrug ist. Ich habe aber etwas mitgenommen aus dieser Zeit und das ist die Art und Weise, wie ich versuche die Menschen zu betrachten. Und die Erkenntnis wie groß der Raum der Gedanken ist, den wir in unserem Gehirn beherbergen.

(Wer astrologische Ausführungen nicht nur wissenschaftlich ablehnt, sondern gänzlich vermeiden möchte, überspringt diesen Absatz)
Nicht nur dass die 12 Tierkreiszeichen in 4 Elemente und ebenso in 6 “männliche” (Feuer=(♈️,♌️,♐️),Luft=(♊️,♎️,♒️)) und 6 “weibliche” (Erde=(♉️,♍️,♑️),Wasser=(♋️,♏️,♓️)) unterteilt werden. Man zerlegt dieses Dutzend auch noch in drei Potentialformen (Dynamisch=(♈️,♋️,♎️,♑️), Statisch=(♉️,♌️,♏️,♒️) und Variabel=(♊️,♍️,♐️,♓️)). Je eines der vier Elemente in Verbindung mit einer der drei Formen bildet den Symbolinhalt eines Zeichens. Dazu kommen noch sieben Gestirne (Sonne, Mond und die fünf mit freien Auge sichtbaren Planeten) die sich durch diese Zeichen bewegen können. Jedes der Gestirne kann mit jedem anderen auch noch fünf Aspekte (Winkelbeziehung von 0°, 60°, 90°, 120°, 180° ) bilden. Konjunktion, Quadrat, Opposition usw , insgesamt ( 6+5+4+3+2+1 = 21) * 5 Verbindungen. Das ist bereits eine sehr große Anzahl. 12 Zeichen × 7 Gestirne × 15 * 5 Aspekte ergibt über tausend Kombinationen. Nimmt man jetzt noch jedes Zeichen zu dreißig einzelne Graden auf dem ein Gestirn stehen kann, dann multipliziert sich das zu sehr vielen verschiedenen Geburtsbildern die gedeutet werden können. Und das ist nur die ursprüngliche klassische westliche Astrologie ohne moderne Zusätze.

(Hier gehts weiter)
Diese Lehre zum Zweck der Deutung des von einem Ort aus sichtbaren Himmels, wirkt recht faszinierend auf viele Menschen. Deswegen nochmal klar gesagt. Der von der Astrologie behauptete Zusammenhang mit der Geburtsstunde und Geburtsort ist reine Selbsttäuschung. Wir sind alle neigen dazu, wenn uns jemand Charaktereigenschaften zuschreibt, die auf irgendetwas Konkretes gestützt sein sollen, diese durchaus für uns als zutreffend anzunehmen, solange Negatives zumindest nicht überwiegt. Das ist auch bei vielen anderen Lehren von Charaktertypen so. Was aber aus dieser auf den sichtbaren Himmel bezogene Deutungslehre zu gewinnen ist, ist eine begreifbare Vorstellung wie komplex unsere Psyche ist und das die Idee, dass man diese in eine “männliche” oder “weibliche” zerlegen könnte, nur eine völlige Fehleinschätzung sein kann. Sogar die psychoanalytische These von Animus und Anima ist etwa so, wie wenn man sagen würde, das Universum ist Energie und Materie und das reicht als Einteilung. Das ist eine Vereinfachung die völlig verkehrt wäre. Denn die Gedankenwelt die wir in uns tragen ist so unendlich und vielfältig wie der Kosmos der uns umgibt.
Ist einem aber das bewusst, dann beginnt man die Menschen anders zu sehen und anders einzuordnen. Natürlich macht es wenig Sinn, den Charakter eines Menschen in solche Teile zerlegen zu wollen. Denn wir haben micht nur die oben aufgezählten Varianten in uns, sondern noch viele, viele mehr. Wir sind alles. Mond im Krebs, Venus im Stier, Mars in Konjunktion mit Sonne, x in v mit y in z. Völlig egal. Es hat überhaupt keine Bedeutung. Wir sind das, was andere in uns sehen. So wie man beliebig in den Sternenhimmel schauen kann und dort in Sternkonstellationen Bilder entdeckt, die es gar nicht gibt, so machen wir es auch, wenn wir andere Menschen einschätzen.

Es gibt sehr gute Menschenkennende, die diesen Kosmos im anderen gut deuten können. Die hineinschauen und die Gestirne in Zeichen und ihre Stellung zueinander so sehen wie sie in dieser Psyche wirklich sind. Keine Astrologen, sondern Menschendeutende, die in anderen lesen können. Da kann man im April geboren sein und Astrologie behauptet, dass man aufgrund des Geburtstags eine spontane, pionierhaftes, angreifende Sonne im Widder, des Elements Feuers in dynamischer Form ist und trotzdem sieht so eine menschenkundige Person ganz klar dass man in Wahrheit eine nüchterne, sehr überlegte Sonne in der Jungfrau, des Element Erde mit variabler Form in sich trägt. Und sie benennen es auch nicht mit diesen Bezeichnungen. Sie spüren nur dieser Mensch gleicht mehr einer Sanddüne, nicht einem Waldbrand.
Sind solche Menschen aber der Astrologie verfallen, dann deuten sie das was sie rechnerisch aus den Geburtsdaten des Menschen den sie “beraten” ermitteln, so um, dass es zu dem passt, was sie an Charakterwerten in diesem Menschen erspüren. Sie glauben sie lesen das Horoskop, in Wahrheit lesen sie aber den Menschen. Leider können aber selbst das nur ganz wenige und die meisten hängen statt dessen sklavisch an der Deutung der berechneten Gestirnsstände und zwingen diese dem anderen als seinen “Charakter” aufgrund irgendwelcher Buchweisheiten auf. Woraufhin Millionen Menschen herumlaufen und glauben sie wären ein Widder mit Ascendent Irgendwas und würden nur zu einem Zwilling oder Löwen passen der seine Venus im Blablabla hat. Für die wenigen die tatsächlich richtig hineinschauen, ist es nur ein Krücke, auf die sie leicht verzichten könnten, aber nicht wollen, da sie fest daran glauben, dass das was sie erkennen, sie nur aus dem Horoskop ersehen können.

Das Lesen anderer Menschen ohne irgendein obskures Hilfsmittel könnten wir alle. Dazu braucht es keine Sterndeutungskunst, keine Berechnung von Häusern, Mundan- oder Radixhoroskopen, keine komplizierten Programme, auch keine Kristalle, keine Pendel und keine Karten. Nur eines, Einen offenen Geist. Beginnen wir im Geist eines anderen Menschen, egal wie er aussieht, woher er kommt, egal wann, wo oder wie er geboren wurde, ein anderes Gedankenuniversum zu sehen, uns darauf einzulassen, dass hier jemand möglicherweise in ganz anderen Bahnen denkt, ganze andere Dinge für wichtig hält und ganz anders auf Eindrücke reagiert als wir, jeder für sich seinen “Merkur” ganz woanders hat oder am gleichen Platz wie man selbst, dann werden wir flexibel. Wir können uns fragen, ob sie auch einen “Saturn im Skorpion im Quadrat zu Mond im Löwen” hat oder ist es doch ein “Jupiter im Wassermann im Trigon zu Mars im Zwilling”, der einem gänzlich fremd ist? Wenn man dies tut, den Geist des anderen Menschen als Kosmos zu sehen, den man erforschen kann, dann werden wir fähig uns gleichwertig zu sehen. Dann können das Menschsein voll entfalten.

Diese Lektion gibt uns der Sternenhimmel über uns seit Urzeiten. Wie oben so, so unten lautet der hermeneutische Grundsatz. Gemeint ist aber nicht, dass wir ein Abbild des Himmels bei unser Geburt sind, wie Astrologiegläubige oft sogar fanatisch beweisen wollen und naturgemäß scheitern, sondern dass wir einen ebensolchen unendlichen Raum in uns tragen, wie das Universum in dem wir leben. Jeder von uns ist ein Universum und diese überlappen sich mal sehr stark und andere ganz wenig. Manchmal berühren sie sich nur an einer winzigen Stelle. Aber keines zählt mehr und keines zählt weniger. Wir legen gern einen moralischen Maßstab an anderen Menschen an und bewerten deren Vorstellungen und Verhalten nach dem unseren. Aber so abartig und verwerflich uns ein anderer auch vorkommen mag, in seinem Universum kann dies Teil seiner “Naturgesetze” sein. Dies entschuldigt keine Taten die in unserer allgemeinen Rechtsprechung als Verbrechen festgelegt wurden, macht sie um nichts weniger grausam, verstörend oder unfassbar. Aber jeden Menschen, sowohl den der für das Überleben tausender Menschen sein Leben opfert, aber auch den bestialischen Massenmordenden, als Mensch zu sehen, beide als gleichwertig zu behandeln, macht Menschsein und universelle Menschenrechte erst möglich.

(Bildquelle: https://pixabay.com/de/universum-geburt-mensch-geometrie-782699/ )

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